Offener Brief des SVS an Bundesrat Alain Berset 

Herrn Bundesrat
Alain Berset
Vorsteher EDI
Inselgasse 1
3003 Bern    

Einsiedeln, 28. April 2020      

Offener Brief an den für die Seniorinnen und Senioren zuständigen Bundesrat  

Sehr geehrter Herr Bundesrat

Sie haben mit mutigen Schritten und klaren Entscheidungen den Weg zu einem alles in allem positiven Verlauf der Corona-Epidemie in der Schweiz freigemacht. Dafür zollen wir Ihnen Respekt und Anerkennung. Wir sind auch der Meinung, dass entschlossenes Handeln in dieser Situation entscheidend war. Der Schweizerische Verband für Seniorenfragen (SVS) hat Ihre Massnahmen deshalb in einer ersten Phase unterstützt.

Befremdend und inzwischen unverständlich allerdings ist Ihre Empfehlung, dass Personen über 65 Jahren nicht mehr in der Lage sein sollen, ihr Verhalten selbst zu bestimmen. Per Notrecht haben Sie entschieden, dass 24 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht mehr befähigt sein sollen, eigene Entscheidungen vorzunehmen. Sie haben alle Seniorinnen und Senioren weggesperrt mit Hinweis auf die Fragilität ihres Gesundheitszustandes. Dabei weiss man auch im BAG, dass 80 Prozent dieser Personen ein völlig normales Leben führen können.  Jetzt sollen sie nicht mehr selber einkaufen gehen; sie sollten zu Hause bleiben und durften ihre Enkel, die sie jahrelang ohne staatliche Beihilfe betreut haben, nicht mehr sehen. Gemäss neuesten Informationen ist zwar jetzt der Kontakt zu den Enkeln wieder erlaubt, nicht aber jener zu den Kindern. Auf Grund Ihrer Weisungen wurden die «Alten» ab 65 Jahren für viele Einwohnerinnen und Einwohner zu Ballast und haben auf der Strasse, beim Spazieren oder Einkaufen nichts mehr verloren.

Jahrelang hat man uns erklärt, die Seniorinnen und Senioren seien ein wichtiges Glied der Gesellschaft. Bei der ersten Nagelprobe hat man sie auf die Seite geschoben und sie zu unmündigen Teilen der Bevölkerung erklärt. Was vorher ohne Probleme zwischen den verschiedenen Generationen funktioniert hat, wurde ausser Kraft gesetzt und die «Alten» zu halb unzurechnungsfähigen Personen erklärt.  Wir wünschen Ihnen, dass Sie diese Situation nie selbst erleben müssen.

Wir protestieren im Namen der Seniorinnen und Senioren gegen eine derart diskriminierende Art, wie Sie mit einem Viertel der Bevölkerung umgehen. Wir erinnern Sie an Artikel 8 der Bundesverfassung, welche eine Diskriminierung wegen des Alters verbietet und wir erwarten, dass sich auch der Bundesrat an die Verfassung hält. Wir verlangen, dass die Personen ab 65 Jahren wie, alle andern Teile der Bevölkerung, behandelt werden.

Wir erwarten, dass Sie oder das BAG in einem der nächsten Pressemeetings die Aussage korrigiert. Es ist die Generation der heute 80-Jährigen, welche unseren Sozialstaat aufgebaut und bezahlt hat. Und für die Wirtschaftsankurbelung der nächsten Monate werden die Pensionierten unerlässlich sein. Ein grosser Teil des schweizerischen Tourismus hängt davon ab, dass die über 65Jährigen aus ihren Wohnungen kommen und konsumieren.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg im Kampf gegen das Corona-Virus und für die Wirtschaftsankurbelung.

Mit freundlichen Grüssen
Karl Vögeli (Präsident SVS)
Fabienne Bachmann (Vizepräsidentin SVS)