Hamstern kostet Menschenleben 

Wieviel Zeit habe ich als Hochrisikopatient (über 65 Jahre und mit langer Krankheitsgeschichte) schon in der empfohlenen Quarantäne verbracht? Ich weiss es nicht. Das Zeitgefühl ist verloren gegangen. Ich erinnere mich, dass ich zu Beginn der Corona-Krise im Grossverteiler einkaufen gegangen bin: Kopfschüttelnd stehe ich vor leeren Regalen – kein Toilettenpapier mehr, Büchsenfood (wie Ravioli) nicht mehr zu finden, Salz fertig, Fertig-Rösti keine mehr im Gestell, Tiefkühlprodukte ausverkauft. Noch schlimmer: Stressende Einkäuferinnen und Einkäufer steuern die überladenen Einkaufswagen – manche zirkeln gleich zwei durch die Gänge – in meine Fersen, die stark bluten. Ich hasse die Hamsterer und bin froh, dass ich keiner bin.

Verzweifelt gehe ich mit zwei leeren Einkaufstaschen nach Hause. Mit weinerlicher Stimme klage ich meiner Partnerin, der besten Ehefrau von allen, mein Schicksal. Sie tröstet mich. Sie will beim Lieferdienst eines Grossverteilers bestellen. Doch zuerst bekommt sie keinen Slot, kann also nicht bestellen. Sie gibt nicht auf, steht um drei Uhr in der Früh auf – und hat einen Zugang. Sie kann die Bestellung aufgeben und wird schnellstmöglich die erste Lieferung erhalten. In zwei Wochen. Und ich habe Hunger. Ich hasse die Hamster und bin froh, dass ich keiner bin.

Kurze Zeit später: Den älteren Menschen und Risikopatienten wird empfohlen, nicht mehr selber einzukaufen. Nachbarn bieten mir umgehend an, für mich und meine Frau einkaufen zu gehen. Das freut mich. Weniger Freude habe ich dann daran, dass sie mir weder Toilettenpapier, noch Ravioli, Tiefgefrierprodukte, Salz oder Fertigrösti nach Hause bringen – alles ausverkauft. Und auch Schutzmasken und Desinfektionsmittel finden sie nicht mehr im Angebot von Apotheken oder Drogerien. Mein Hunger wächst. Ich hasse Hamsterer und bin froh, dass ich keiner bin.

Aber jetzt war klar: Ich musste wieder selbst auf Einkaufsjagd gehen. Aber in meinem Alter? Schepps angucken lassen wollte ich mich ebenso wenig wie mich schräg anmachen lassen. Sie wissen schon, was ich meine: So von wegen alter Sack, unverantwortlich - oder ganz simpel als dumm bezeichnet zu werden. Dann kommt mir die Idee.
Ich kenne eine Visagistin, die früher für grosse Theater und Fernsehstationen arbeitete. Schnell ist der Termin vereinbart. Mit Bart, langen Haaren und viel, sehr viel Farbe, verjüngt sie mich so, dass mir kaum jemand über 50 Jahre gibt. Damit ich abschreckend wirke, zaubert sie mir gleich zwei furchterregende Narben auf die rechte Wange, direkt unter dem Auge, und auf die Stirn. So gerüstet gehe ich den nächsten Nachmittag in eine Drogeriekette, um mir Toilettenpapier zu erwerben. «Ausverkauft» sagt die Verkäuferin. «Wenn sie sich dieses Produkt sichern wollen, müssen sie bereits eine halbe Stunde vor Ladenöffnung hier sein und warten, bis wir öffnen.» Ich hasse Hamsterer und bin froh, dass ich keiner bin.

Am nächsten Morgen stehe ich eine halbe Stunde vor Ladenbeginn vor der Türe an. Das Taxi für die Heimfahrt habe ich mir bereits bestellt – eines mit grossem Kofferraum. Ich reihe mich auf Position 23 ein. Als die grosse Eingangstür aufgeht, habe ich mich mit viel Körpereinsatz bereits auf Position 4 verbessert. Den zwei vor mir stehende Kundinnen stelle ich dann das Bein, dem Mann davor trete ich ins Knie und befinde mich so in Poleposition. Ich schnappe mir zwei Einkaufswagen, sprinte in den hinteren Teil des Geschäftes und schnappe mit 12 Riesenpackungen Toilettenpapier zu 24 Rollen – Hakle dreilagig. Ich bringe sie fast nicht auf meine beiden Einkaufswagen. Die Kassierin macht mich als Hamsterer und Egomanen an. Als ich ihr aber erkläre, dass ich der Einkäufer eines örtlichen Altersheims bin, wird sie milde, entschuldigt sich. Ich erkläre ihr, dass ich einfach so vergehen musste, weil ich Hamsterer hasse und froh bin, dass ich keiner bin.

Als ich mit dem Taxi am Tankstellenshop vorbeifahre entdecke ich ein Plakat, dass darauf hinweist, das hier noch Toilettenpapier zu haben ist. Was soll ich tun, die Angestellten kennen mich doch alle, mehr als acht Rollen verkaufen sie mir doch nicht. Doch da erinnere ich mich an die geniale Arbeit der Visagistin. Ich gehe rein, bable was von Einkäufer des nahegelegenen Alters- und Pflegeheims. Erkläre, dass ich so vorgehen müsse, aber ich würde Hamsterer hassen und sei froh, dass ich keiner bin. Ohne dass mich jemand erkennt, sichere ich mir weitere 240 Rollen des wertvollen Papiers und fahre damit nach Hause. Ich trage alles in meinen Keller, gehe in die Wohnung. Ich rufe einen Bewachsungsservice an, der fortan meinen Keller rund um die Uhr bewacht. Dieser Service ist jeden Franken wert, denn Toilettenpapier ist jetzt jene Währung, an der wir gemessen werden. Noch immer hasse ich Hamsterer und bin froh, dass ich keiner bin.

Der erfolgreiche Einkauf in der Drogeriekette hat mich inspiriert. Auf vier Uhr in der Früh stelle ich den Wecker. Als die letzten Eulen kreisen, schnappe ich mir im Velokeller das Fahrrad mit Kinderanhänger meiner Nachbarin. Eine Stunde vor der Öffnung stehe ich vor den Toren des Grossverteilers. Als sie hochgehen, habe ich mit der ebenso eleganten wie brutalen Ellbogenarbeit die vorderste Position verteidigt und nur dreien meiner Mitstreiter das Nasenbein gebrochen und lediglich vieren Zähne ausgeschlagen. Nur einen Kollateralschaden gibt es. Ein unflätiges Ehepaar, das mir meine Position streitig macht, muss ich mit meiner Offizierswaffe erschiessen. Das Hamsterehepaar ist selbst schuld. Dann starte ich den Run auf die Produkte. Büchsenravioli hat es immer noch keine. Stattdessen fliegen 20 Büchsten Bohnen in einen meiner beiden Einkaufswagen. Spielt es eine Rolle, dass ich Bohnen nicht gerne habe? Dann bin ich beim Salz – schnappe mir 10 Kilogramm. Zuhause erfahre ich dann erst, dass es kein Speisesalz ist, das ich benötigt hätte. Und weil ich eben bei der Milch bin, lade ich 20 Liter in den Einkaufswagen links. Dabei leide ich an einer Milchunverträglichkeit. In den rechten Einkaufswagen werfe ich 50 tiefgefrorene Sardellen-Pizzen. Die wird meine Frau nicht essen. Sie hasst Sardellen. Und ich hasse Hamsterer und bin froh, dass ich keiner bin. Inzwischen bin ich ob meiner Jagd völlig verschwitzt. Ich drehe mich um die eigene Achse. Ich erwache aus meinem Albtraum. Ich bin froh, dass ich….

Silvio Seiler

 

Dieser Shop hat noch Toilettenpapier.
Diese Chance lasse ich mir nicht entgehen.
Bild: Sivio Seiler